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19.09.2011

Bei Demenz: „Verwirrt nicht die Verwirrten“

Corinna Graß ist vom Pflegemodell nach Böhm überzeugt.
Seit elf Jahren arbeitet Corinna Graß in der Altenpflege. Vor zwei Jahren hat sie einen speziellen Lehrgang zur Pflege von Menschen mit Demenz besucht, der ihr Verständnis von Pflege sozusagen über Nacht „auf den Kopf“ gestellt hat: Das psychobiografische Pflegemodell nach Erwin Böhm.
Seit eineinhalb Jahren setzt sie im Wohnbereich für demenziell veränderte Menschen im Pflege- und Therapiecentrum Wendhausen bei ihren 34 Bewohnern als Wohnbereichsleiterin konsequent um, was sie gelernt hat. Über die Ergebnisse spricht sie gerne – und die können sich sehen lassen.

Was bedeutet „Pflegemodell nach Böhm“?
„Erwin Böhm ist ein österreichischer Pflegewissenschaftler und entwickelte durch sein Pflegemodell eine völlig neue Sichtweise und dadurch ein ganz neues Verständnis im Umgang mit unseren Bewohnern. Nach seiner Meinung wirken Körper, Seele, Geist, das soziale Umfeld – und: ganz wichtig die Biografie untrennbar und dauerhaft aufeinander. Also sind die Menschen in meinem Wohnbereich nicht ‚demenzkrank’, sondern leben unter den Bedingungen einer Krankheit. Und so versuchen wir, unsere Bewohner zu reaktivieren und so gut wie möglich Selbständigkeit und Lebensfreude zu vermitteln.“

Was ist das Besondere an diesem Pflegemodell?
„Ich sagte ja eben, wie wichtig es für uns als Pflegepersonal ist, die Biografie jedes Bewohners verinnerlicht zu haben. So erkennen wir – wenn auch nach und nach – was die Menschen geprägt hat, welche Wertvorstellungen ihnen wichtig waren.
Wussten Sie schon, dass sich der demenziell veränderte Mensch geistig in seiner Prägungszeit befindet? Also in seiner Kindheit, Jugend oder noch im frühen Erwachsenenalter?
Wende ich also an, was Böhm „ganzheitlichen Ansatz für ein vertieftes Pflegeverständnis“ nennt, kann ich mich auf diese sehr speziellen und höchst persönlichen Bedürfnisse und Erfahrungen der Menschen einlassen. Dann wird mir sofort klar, warum er beispielsweise traurig auf ein Lied reagiert, zu essen vergisst, oder weglaufen will, um seine vermeintlich noch lebenden Eltern zu suchen oder sein Elternhaus. Und ich kann individuell und liebevoll gegensteuern. Seit wir hier nach Böhm pflegen, gehen die Weglauftendenzen gegen Null.“

Also ist das Böhm-Modell auch ein Erfolgsmodell?
„Unbedingt! Und nicht nur für die Bewohner! Auch für uns als Pflegepersonal ist die Arbeit mit entspannten und glücklichen Menschen viel entspannter, als sie über den gleichen Kamm nach „Schema F“ einfach zu verwalten.
Ein Beispiel: Warum sollen wir durchsetzen, dass ein Mensch, der sein Lebtag im Bademantel gefrühstückt hat, bei uns korrekt gekleidet frühstückt? Warum sollen wir passionierte Langschläfer an unseren Dienstplan gewöhnen oder Frühaufsteher sich im Bett langweilen? Wer um 4 Uhr aufstehen will – bitte sehr. Unser Nachtdienst serviert ihm gerne das Frühstück. Wir wollen Menschen pflegen, nicht Vorschriften.

Wissen Sie, früher haben wir bei Tag-Schichtbeginn abgefragt, ob der Bewohner seinen Toilettengang hinter sich hat, oder ob er geduscht ist. Dabei ist es doch viel wichtiger zu wissen, wie es ihm geht, wie seine Laune ist, ob er schon gelacht hat, wie ich heute auf ihn eingehen muss. Früher haben wir bei Teambesprechungen über Dienstpläne diskutiert, heute stehen Fallbesprechungen im Vordergrund, Problemlösungen für Bewohner.“

Problemlösungen?
„Ja, wenn eine Bewohnerin beispielsweise traurig durch die Gänge streift und verzweifelt nach ihrem verstorbenen Mann ruft, berührt uns das. Wir wollen, dass sie sich wohl fühlt, glücklich ist. Nun wussten wir aus der Biografie der betreffenden Frau, dass sie als Hausfrau ihrem Mann stets die Wäsche wusch und sie zum Trocknen aufhängte.
Wir haben im Zimmer dieser Bewohnerin eine Wäscheleine gezogen und Herrenwäsche aufgehängt. Ergebnis: Die Bewohnerin ist glücklich, geht davon aus, dass ihr Mann demnächst heimkommt und kommt nicht mehr auf die Idee, ihn zu suchen oder gar wegzulaufen.“

Eine Wäscheleine im Bewohnerzimmer?
„Genau!“ (Lacht!) „Das müssen weder Sie noch die Angehörigen verstehen. Es reicht, wenn es die Bewohnerin versteht. ‚Verwirrt nicht die Verwirrten’, sagt Böhm und ich kann nicht oft genug wiederholen: Die Pflege nach Böhm ist eine verstehende und keine verständliche Pflege. Wir möchten unserem Bewohner seinem ehemaligen Daheim und dem seiner Prägungszeit hier so nahe wie möglich kommen. Böhm nennt das ‚zuerst die Seele und dann erst die Beine bewegen’. Wir müssen für und mit ihm seine persönlichen Schätze heben, die Angehörige vielleicht für unscheinbar halten: Briefe etwa, Bücher, Lampen oder selbst der Fernsehsessel oder das alte Radio aus dem Keller. Verstehen statt verständlich!“

Ist das für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen nicht sehr arbeitsintensiv?
Sie werden es nicht glauben: Seit wir hier das Böhmsche Modell anwenden, ist auch der Krankenstand unserer Mitarbeiter stark zurückgegangen. Wir lachen jetzt sehr viel – auch mit den Bewohnern. Ein Beispiel: Bestimmt freuen Sie sich doch über Komplimente. So geht es auch unseren Bewohnern: Ein anerkennendes Wort über die Frisur, die Bluse, das gute Aussehen ist so leicht gesagt und bewirkt so viel Freude. Wir nennen das „Ich-Wichtigkeit“, etwas, wonach ja eigentlich jeder von uns tagtäglich lechzt. Ein kleines Beispiel: Eine unserer Bewohnerinnen hat als junge Erwachsene sehr schön gemalt. Ihre Bilder haben wir zu einer kleinen Ausstellung im Wohnbereich zusammengestellt. Die Frau fließt über vor Glück und Stolz! Und das ist gut so. Das hat sie verdient!
Ich kenne Studien, die bestätigen, wie sehr sich über gute Gefühle, Schlüsselreize und die jederzeitige Einbindung der Biografie das Wohlbefinden der Bewohner sehr stark steigern lässt. In vielen Fällen braucht er dann sogar weniger Medikamente. Und das allerschönste für uns: Wir fühlen uns in unserer Berufsehre bestätigt.

Ihr Ansprechpartner:
Heike Maliske-Falkenrick, Einrichtungsleitung
Maternus Pflege- und Therapiecentrum Wendhausen GmbH
Hauptstraße 18
38165 Wendhausen
Tel.: 05309 . 70 9-0
info.lehre-wendhausen@maternus.de



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